Blog vs. Feuilleton – Oder: Wer glaubt eigentlich, dass Blogger wichtig sind?


von Sarah Pritzel

Artikel sehrsehr lustig700

Blogger gibt es ja mittlerweile wie Sand am Meer – und zwar in allen Themenbereichen und in jeglicher Couleur. Dass die herausragend Erfolgreichen schon lange die Auflagen so mancher traditioneller Zeitung hinter sich gelassen haben, ist ebenso kein Geheimnis mehr. In Anbetracht schrumpfender Auflagen und zeternder Chefetagen, die nach rollenden Köpfen verlangen (seien es nun die der Journalisten, die keine wachsende Leserschaft zu akquirieren vermögen, oder der Blogger, welche ja an allem Schuld sind) kein Wunder also, dass in der Szene schon länger ein Kleinkrieg herrscht.

Was früher die höllischen Nachbarn, sind sich nun der Feuilletonist und der Literaturblogger

Eine Szene, von der man im Speziellen mehr Raison und Gemütlichkeit erwarten würde, ist seit geraumer Zeit ein hart umkämpfter Schützengraben, der die kleinen Skandale der Modeblogger („Dürfen Blogger sexy sein?“) milde lächelnd in den Schatten stellt. Besonders spannend zu beobachten, wie nicht nur große Beauty- und Modeblogger ihre Präsenz in den Medien ausbauen, sondern das Phänomen Blogger sich auf jeden Bereich erstreckt. Vielleicht ist die „Buchblogger“-Szene auch eben wegen ihrer Bodenständigkeit im Universum der alteingesessenen Medien eingeschlagen wie eine Bombe. Wo das Feuilleton sich auf ihre alten Werte und literarisch eingesessene Genre versteift, schrecken die Blogger vor nichts zurück: Liebesschmonzette, New Adult (das ist die hübsche und hippe Bezeichnung für erotische Romane), Fantasy und vor allem Jugendbücher dürfen genauso wie Roman, Lyrik und Biografie besprochen werden. Eine deutliche Erweiterung des Repertoires, das eine scheinbar zuvor sträflich vernachlässigte Buchcommunity erwartet hat. Schnell etablieren sich Größen in der Szene – und der erste Schlamm fliegt.

Der süddeutsche Pausenhof-Schubser

Ähnlich wie beim Prager Fenstersturz oder der Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand, gab es wohl auch hier den entscheidenden Moment für die Ewigkeit: Der im Juni 2015 erschienene Artikel der Süddeutschen Zeitung „Sehrsehr lustig! Lest es!“ . Tim Neshitov nimmt sich hier besonders die Booktuberin (Neologismus für: Hobby-Buchrezensent auf Youtube) Sara Bow vor, die mit ihren Buchvideos Geld verdient. Was die Süddeutsche Zeitung kann, können andere große Tageszeitungen schon lange: So bewertet Anna Maria Michel von der Zeit in ihrem Artikel „Dieses Buch wird Ihr Leben verändern!“ die Glaubwürdigkeit der Blogger. Noch einmal wird vehement deklariert, dass Blogs und Youtube-Kanäle zum Thema Buch „Kein Ersatz für das Feuilleton“ darstellen. Die Buchblogger- und Booktuber-Szene schießt halb belustigt und halb empört mit ihrer #WirSindBooktube-Aktion zurück und erklärt, dass sie sich selber nicht als Konkurrenz zum Feuilleton sehen. Nicht genug für einen Waffenstillstand. Auf der WELT wird 2016 das Sommerloch mit einer Analyse der Tippfehler eines Buchblogs („Der Tobi von lesestunden.de sucht ein N“) gefüllt.

Showdown at noon?

Zeit, dass die Fronten geklärt werden. Literaturliebhaberin und Verlegerin, Buchbloggerin und Literaturpapst der ARD-Buffet Sommerlese Karla Paul (auch bekannt als „Buchkolumne“) bietet auf ihrer Facebook-Seite die Plattform zur ausführlichen Diskussion. Eine Gelegenheit, die sich Fans, Blogger und auch der Autor des WELT-Artikels nicht nehmen lassen. Marc Reichwein, Journalist und Autor des umstrittenen Artikels schließt seine Argumentation mit den Worten:

„Mein Tipp: Promotet Eure Power of Blogs. Aber haltet gefälligst aus, dass es Leute gibt, die manchmal den Stecker ziehen.“ Tobi von Lesestunden verfasste die Antwort darauf schon Stunden zuvor mit einem leichten Augenzwinkern:

Tobi Sarah Beitrag700

Wer nun wem den Stecker gezogen, oder zumindest die Power dazu hätte, ist für diese Runde geklärt. Aber ob ein Sieg in der Schlacht auch gleich den Krieg entscheidet, bleibt abzuwarten. Die Frage bleibt: Wer glaubt eigentlich, dass Blogger wichtig sind?


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