Snap-Atmung auf der re:publica – Mehr Mut, ihr alten Hasen!


von Patrick Teeuwen

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Mehrere hundert Teilnehmer sind hier vor Stage 6 zusammen gekommen. Der Vortrag ist mit „Snapchat für Erwachsene“ betitelt, das Publikum daher leicht ‚senioriger‘ im Vergleich zu anderen Veranstaltungen. Protagonist ist Joshua Arntzen - 14 Jahre alt, Schüler. Er steht stereotypisch für die Jugend und ihre aktuelle Mediennutzung. Ein Moderator betritt die Bühne, kündigt eine Skype-Fragerunde mit Joshua an und komplettiert meinen situativen Eindruck, es würde eine seltene Tierart präsentiert werden.
Zwischen 40 und 50 Teilnehmern heben die Hand, sie weisen sich nach seiner Aufforderung als über 50 Jahre alt aus.
Vier bis fünf dieser Personen lassen die Hand erhoben als sie gefragt werden, ob sie die App Snapchat nutzen und meinen, sie auch im Sinne der Mechanik verstanden zu haben. Stammtisch-ähnliches Lachen breitet sich aus.


Ich lache nicht - Mir klappt ob dieser wenig ruhmreichen Vorstellung die Kinnlade runter. Nicht weil ich der Meinung bin, dass heutzutage jeder live und ‚like a pro‘ senden muss - nein. Mir klappt die Kinnlade runter weil ich die gleiche Situation auch schon vor einem Jahr exakt so miterlebt habe. Ebenfalls re:publica, Stage 6, ähnlicher Vortrag, auch vor einem Jahr versammelte sich hier wahrscheinlich die professionelle Speerspitze der deutschen Medienlandschaft. Damals kam mir dieser belächelnde Argwohn allerdings nicht so tragisch vor, Snapchat war tatsächlich noch recht frische Ware.


Im folgenden Verlauf wird Schüler Joshua aka. Joshi mit Fragen über Snapchat-Basics gelöchert. Es wird viel mitgeschrieben. Die Mechanik und vor allem Joshis Nutzung des Kanals entpuppen sich als Mysterium, das es eifrig zu dokumentieren gilt.


Beispielsweise folgt Joshi keinen Marken. Ein paar Großkonzerne haben sich schon versucht - keiner davon hat es aber bisher geschafft, ihn langfristig zu unterhalten. Viel spannender seien da Musiker, Künstler, Videoblogger. Kurzum: Personen die es schaffen, ihr Leben spannend zu zelebrieren und durch unmittelbare Nähe erlebbar zu machen, treffen im Live-Streaming auf nährbaren Boden.


Klarer Fokus liegt für ihn aber nach wie vor bei den Stories seiner Freunde. Snapchat wird genutzt, um direkte Nähe zum Leben seines Umfeldes zu genießen und das eigene zügig und locker für ebenjenes zu dokumentieren - ohne ‚fishing for likes‘, ohne große Mühe der Selbstdarstellung. Unprätentiös. Genau das liefert Snapchat - nicht mehr, nicht weniger. Die Frage des Moderators, „Wieso das Ganze denn nicht auch auf Facebook ginge!?“, holt mich an den Medien-Stammtisch zurück. Ein Gedanke formt sich in meinem Kopf, während die Fragerunde weiter voranschreitet:



Es liegt ein medialer Generationenkonflikt vor, der sich gewaschen hat.


Alte Hasen und Onliner der Stunde Null propagieren in weiteren Vorträgen der Messe, sie befänden sich in der digitalen Pubertät. Für mich würde das heißen, man probiert sich aus, stellt Regeln in Frage und zweckentfremdet Dinge für unanständiges Zeug. Was ich im Vortrag gesehen habe lässt mich aber viel eher an ein digitales Rentenzeitalter denken. Man kommt nicht mit, hat kein Verständnis und reagiert motivationslos auf Neues.


Für mich als Kommunikationsberater heißt diese Entwicklung in erster Linie: Klarheit schaffen und dort putzen, wo Kundenhände nicht mehr hinkommen. Dafür zu plädieren, Scheuklappen abzulegen und sich nicht zu schade dafür zu sein, neue Netzwerke und Technologien auszuprobieren. Dabei darf die persönliche Überzeugung den verantwortlichen Marketeer nicht einschränken. Zumindest aus kommunikativer Sicht müssen Vor,- und Nachteile neuer Medien bekannt sein, um grundlegende Fragen für die eigene Marke einordnen zu können: Wie sieht die Markenbotschaft der Zukunft aus und auf welche Weise wird sie erzählt? Ist bald alles live und VR? Wo formen sich neue Enklaven von Käuferschaften, die man effizient adressieren kann? Wie muss kanaladäquater Content aussehen?


Von diesem Standpunkt aus gesehen war der Vortrag dann vielleicht doch eine Bereicherung. Nicht unbedingt aus inhaltlicher Sicht, aber um die Anforderungen an gute Beratung neu zu justieren und sich sich bewusst zu werden, wo in der Branche grade Not am Mann herrscht.


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